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Im Kern beruht die Möglichkeit zu Entwicklung in Gemeinschaft, Gesellschaft und auch Individuum auf dem sozialen Grundsatz, dass ein Geben an erster Stelle jeder Beziehung zu einem anderen Menschen stehen muss. Nur wer dem anderen den Vortritt lässt, so formuliert es Emanuel Levinas, erkennt diesen als Partner, als Individuum, als Mensch mit einer Bedürftigkeit an.

Gemeinschaft und Gesellschaft sind in ihrer Reproduktion und Weiterentwicklung nicht denkbar, ohne dass ein Mensch einem anderen Menschen etwas gibt, schenkt, zur Verfügung stellt, und damit die Hoheit über dieses Vermögen ab- und weitergibt.

Im Besonderen trifft dies auf die Generation der älteren Menschen zu, die in ihrer Biografie nicht nur monetär Eigentum, sondern auch Erfahrungswerte und soziale Netzwerke gebildet haben. Das Vermögen zu Geben, zu Schenken ist in der Lebensphase des Alters von besonderer Bedeutung, ja vielleicht die bedeutendste Fähigkeit überhaupt. Geht es doch darum, die erworbenen, erfahrenen Dinge zu verarbeiten, zu komprimieren, zu verwandeln und an andere weiterzugeben. Schenken als Ausformung von Geben und Nehmen wird bereits im gesamten Lebenslauf erübt und erfahren. Als ein eindrucksvolles Beispiel kann der persönliche Name genannt werden, der von den Eltern gegeben wird, vom Menschen zu einer individuellen Handschrift verwandelt, angeeignet wird, und letztlich zum Zeitpunkt des Todes in der Möglichkeit der eigenen Prägung unabwendbar abgegeben werden muss.

Ob und wie das individuell gebildete Vermögen frei- und weitergeben wird, beeinflusst im persönlichen Bereich oft entscheidend die Möglichkeiten der Nachkommen, der Erben, der Nehmenden. Im gesellschaftlichen Maßstab dürfte die Praxis des Gebens das Szenario der Veränderungen, die sich durch den Demografischen Wandel in Deutschland vollziehen werden, maßgeblich prägen. Wie aber auch in anderen Kontexten beruht jede Praxis des Handelns auf einer bestimmten Einstellung, Motivation, einem Wertekanon.

Das „Bild des Gebens im Alter“ – so eine These – wird lebenslang vorbereitet, ist nicht quasi über Nacht eine Neuerfindung, sondern bereits in anderen Lebensphasen und Rollen angelegt. Daher kann dieses Altersbild nur ein integriertes sein, welches auf eine Verständigung mit anderen Menschen, die sich in anderen Lebensphasen und Rollen befinden, setzt.