Das Buch

FreiGeben - Das eigene Werk gehen lassen

Georg Pohl

Der Name ist der persönlichste Begleiter auf dem Lebensweg des Menschen. Er wird von Engeln geflüstert, von den Eltern dem Neugeborenen gegeben, im Laufe des Lebens entwickelt sich eine zutiefst eigene Beziehung zwischen der Persönlichkeit und dem Namen, er wird zum Symbol für das, was Biografie ist. Bis zum letzten Atemzug steht dieser Name bereit, aufzunehmen, was der Mensch ihm einschreiben will. Nach dem Verlust der Gestaltbarkeit auf dieser Welt durch den Tod bleibt der Name eingemeißelt in den Grabstein. Wie viel soll darüber hinaus vom persönlichen Werk weiterleben als Botschaft, als Auftrag, als Bindung? Wer glaubt, er könne auch nach dem Tod die Geschicke einer Organisation, eines Unternehmens oder einer Stiftung beeinflussen oder steuern, der irrt. Das werden andere Menschen tun, die mit den Anforderungen und Möglichkeiten der Zeit umgehen. Es gehört sicher zum Bedeutendsten im Leben, von dem, was im Laufe des Lebens erworben, erschaffen wurde, Abschied zu nehmen, es freizugeben. Und es gehört zugleich zum Dankbarsten, wenn dieses Wertvolle in die Hände und Herzen von Menschen gelegt werden kann, die dieses weiter im Fluss des Lebens behalten, die den innersten Auftrag zum Motiv nehmen und nicht die Form. Die Mönche des Mittelalters schrieben Bücher, ohne ihren Namen zu nennen. Das Buch, der Inhalt steht für sich, er wirkt durch seine eigene Kraft. Heute, im Zeitalter des bewussten und individuellen Menschen, sind Taten und Werke auf das Engste mit Namen verbunden. Das ist auch gut so. Denn jeder Mensch ist heute gefordert – und das ist sicher anders als in früheren Zeiten –, eine eigene Welt zu erbauen und in diesem Sinne mitzuwirken an dem großen Gemeinsamen einer differenzierten und doch sich immer neu verbindenden Kulturgesellschaft. FreiGeben heißt gut zu wählen, weder zu verschleudern noch einzugrenzen. Das Vergangene soll den Keim für das Zukünftige bilden.