Das Buch

Ins Lebendige fließen lassen

»Ich bin dankbar, dass ich die Chance hatte, Geld in etwas Lebendiges zu investieren, denn wenn man es in den Boden fließen lässt, dann erschafft man Leben.«
Maritta Stille

Ich war fünfunddreißig Jahre lang Lehrerin und habe vor dem Ausscheiden aus meinem Beruf drei Jahre lang in einem Jugendgefängnis gearbeitet, beides hat mich sehr erfüllt. Gemeinsam mit meinem Mann habe ich fünf Kinder großgezogen, in einer Zeit, in der man (auch wir) in Wohngemeinschaften lebte und die Kinder in Kinder- und Schülerläden gingen. In einer Zeit, als die Grünen begannen, eine Politik zu machen, der wir uns nahe fühlten.

1980 fassten wir den Entschluss, Bonn zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Wie viele in dieser Zeit, betrieben wir Landwirtschaft zur Selbstversorgung, wir hatten Wiesen und Wald, Schafe und Bienen.

1984 starb meine Mutter, und ich erbte ein Vermögen in Form von Aktien und Wertpapieren. Ich bin in einer Industriellenfamilie aufgewachsen und hatte bereits als Kind wegen dieses Hintergrunds gehadert. Ich bin eher ein bescheidener Mensch, der nicht gern mit Geld hantiert. Und nun dieses Erbe.

Unser Steuerberater, Dietmar Claußen, der auch gemeinnützige Einrichtungen berät, verwies mich unter anderem an die GLS Gemeinschaftsbank und die Gemeinnützige Treuhandstelle Hamburg, wo ich einen fantastischen anthroposophischen Beraterkreis zur Seite gestellt bekam. Ich übertrug das geerbte Vermögen treuhänderisch an die Treuhandstelle, doch wir ließen uns Zeit, bis wir die wunderbare Idee hatten, die „Aktion Kulturland“ zu gründen.

Aktion Kulturland fördert seit 1988 die Verbindung von Landwirtschaft und Ökologie auf Höfen. Sie unterstützt eine naturschützende Landbewirtschaftung, die darüber hinaus aktiv zur Wiederherstellung von Naturzusammenhängen, zur Vergrößerung der Artenvielfalt und zur Neugestaltung der Landschaft beiträgt. Aktion Kulturland unterstützt vornehmlich den Erwerb land- und forstwirtschaftlicher Nutzflächen, die als Grundlage für die Zweckverwirklichung dienen sollen. Dabei ist die Begünstigung eigenwirtschaftlicher Ziele einzelner Landwirte durch die gemeinnützige Bindung der Stiftungsmittel ausgeschlossen.

Mein Name wurde damals in diesem Zusammenhang nie erwähnt; ich war eine anonyme Spenderin, die ihr Geld in guten Händen wusste und den Wunsch hatte, ihr Erbe aus Industrievermögen in den Boden, in das Lebendige zurückfließen zu lassen. Ich bin als gleichberechtigter Teil des Vorstandes tätig, betreue Projekte und engagiere mich neben meiner Tochter in der Öffentlichkeitsarbeit.

Kern des Anliegens der selbstständigen Sammelstiftung für Landwirtschaft und Ökologie war ursprünglich, Land freizukaufen, um es Landwirten möglich zu machen, ohne Kapitaldienst für Grund und Boden ihrer eigentlichen Aufgabe – der Pflege des Bodens, der Tiere, der Pflanzen – nachzugehen. Wir stellen den Boden also gemeinnützig zur Verfügung. „Darüber hinaus versteckt sich im Namen ‚Aktion Kulturland‘ die Idee, Kulturstätten auf dem Lande zu fördern, die es vielen Menschen ermöglichen soll, sich an Höfen zu beteiligen, ob durch Landschaftspflege, Bildungsarbeit in Sachen Ökologie, Sozialarbeit für benachteiligte Menschen oder durch Kulturarbeit im eigentlichen Sinne – wie Hoffeste, Theater und Musik“, so drückte es Thomas Rüter, wesentlicher Initiator und Gestalter des Ganzen, einmal aus.

Wir haben bei allem darauf geachtet, dass die Erbschaft als Grundstock der Stiftung nicht gemindert wird und alle Aktivitäten durch Zinsen finanziert werden. Bei neuen Projekten versuchen wir Menschen zu finden, die diese unterstützen. Das ist manchmal nicht einfach, aber auch ein sehr spannender und aufschlussreicher Prozess. Wegen dieser Vorgehensweise nennen wir uns „Sammelstiftung“. Das Stiftungskapital beträgt 1,5 Millionen Euro. Bis heute konnten Projekte durch Zuwendung in Höhe von etwa 2,5 Millionen Euro gefördert werden.

Das Spektrum der Aktivitäten unserer Stiftung ist breit: Höfe werden in gemeinnütziges Eigentum übertragen, Höfe werden entschuldet, öffentliche Fördermittel vermittelt, bei Investitionen wird geholfen, politische Arbeit im ländlichen Raum ermöglicht und in Umwelt- und Naturschutz investiert.

Für mich und meinen Mann, der durch sein großes Engagement mit der Stiftung verbunden ist, war und ist entscheidend, dass wir Geld in einen positiven Zusammenhang bringen. Für uns sind ländlicher Boden und menschliche Arbeitskraft die einzigen produktiven Faktoren. Die Begegnung mit so vielen Menschen, die auf lebendigem Boden arbeiten, hat mich unglaublich viel gelehrt. Man lernt nur im Austausch mit Menschen und im Geschehen. Das Geschehen in der Landwirtschaft, auf dem Boden, in der Natur, auf der Erde ist für mich das Entscheidende. Es hat für mich mit dem Schöpfungsgedanken zu tun.

Im Gegensatz zu anderen Stiftungen engagieren wir uns nur im Bereich Naturschutz in Verbindung mit Ökohöfen. Der Hof oder das Land muss von Menschen übernommen worden sein, die auch die Verantwortung für den Naturschutz oder die Landschaftspflege übernehmen.

Nehmen wir als Beispiele den „Mirandahof“: Ein mehr als einhundert Jahre altes, drei Hektar kleines Anwesen bei Ot31 tersberg, das in den Fünfzigerjahren von Fräulein Elsbeth Klaue vor dem Verfall gerettet und seither von ihr als biologischdynamischer Gärtnerhof geführt wurde. 2001 übertrug sie den Hof als Zustiftung an Aktion Kulturland, um die sorgfältige und schuldenfreie ökologische Bewirtschaftung langfristig abzusichern. Heute lebt dort Familie Kröger, die den Hof zu einem Gärtnerhof mit pädagogisch-therapeutischer Betreuungsarbeit ausgebaut hat. Oder den „Hof Neuseegard“, den ehemaligen Milchviehbetrieb, der 1991 von der Stiftung gemeinsam mit einem örtlichen Verein gekauft und auf demeter-Landbau mit Gemüsegärtnerei, Obstanbau und einer Mutterkuhherde umgestellt wurde. Zwei Familien mit insgesamt fünf Kindern beleben heute den Hof und bilden eine Hofgemeinschaft. Oder der fünfzig Hektar große „Hof Löstrup“, der von der Familie Nissen fast unentgeltlich mit der Zweckbindung für den biologisch-dynamischen Landbau auf die Stiftung übertragen wurde. Es gibt dort neben der landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaft verschiedene Arbeits- und Wohnmöglichkeiten. Die staatliche und die freie ökologisch-dynamische Ausbildung werden auf dem Hof durchgeführt. Außerdem ist der Hof eine Erziehungsaußenstelle der Stadt Flensburg. Landbauwochen der Waldorfschulen und Kurzzeitpraktika sind möglich, Besichtigungen und Führungen für Kindergärten und Gruppen und Schulklassen. Des Weiteren werden achtundzwanzig Tonnen Brotgetreide in der Hofbäckerei zu fünfzehn Brotsorten verbacken und neben Gemüse und Honig im Hofladen verkauft.

Mitzuerleben, was die Stiftung ermöglicht hat, empfinde ich als Geschenk. Ich habe mein Erbe, mit Unterstützung eines wunderbaren Teams, umgewandelt in etwas Lebendiges. Ich bin dankbar dafür, dass ich die Chance hatte, Geld in etwas Lebendiges zu investieren, denn wenn man es in den Boden fließen lässt, dann erschafft man Leben.

Maritta Stille, Jahrgang 1941, Steinberg (Holstein)
Beruf: Lehrerin im Ruhestand
Engagement: Gründerin und Mitglied im Vorstand Stiftung Aktion Kulturland

www.aktion-kulturland.de