Das Buch

Vorwort

Das Bibelzitat vom Geben, das seliger ist als das Nehmen, kennt fast jeder. Die in den letzten Jahren aufgekommene „Geiz ist geil“-Mentalität in unserem Land hat diese Einstellung leider an vielen Stellen ins zynische Gegenteil verkehrt.

Diese Publikation beschreibt einen ganz anderen Umgang mit dem Geben und Nehmen, eine Alternative, die Mut macht und Beispiel gibt. Sie zeigt verschiedene Menschen an einem bestimmten Punkt ihres Lebens. Sie wollen sich der oben beschriebenen Mentalität nicht anschließen, ja mehr noch, sie machen durch ihr Wirken und ihre Entscheidung deutlich, warum das Geben so gar nicht aus der Mode gekommen ist, warum es vielmehr Gewinn bringt für alle Beteiligten. Für den, der gibt – Zeit, Geld, Raum, Erfahrung, Wissen –, indem er das Erlebnis des Gebens als etwas empfindet, das ihn persönlich gleichermaßen „zurück“beschenkt. In einigen Beispielen gelingt es gar, das persönliche Erbe (geistig oder materiell) zukunftsfähig zu machen, indem es bewusst ab- und weitergegeben wird. Noch mehr profitieren auf den ersten Blick diejenigen, die etwas bekommen, denen gegeben wird. Aber sie sind eben keine Almosenempfänger, sondern erhalten ein Geschenk, das sie auffängt, sie auf ihrem eigenen Weg stärkt oder ihnen einfach nur den notwen digen neuen Impuls zum richtigen Zeitpunkt in ihrem Leben geben kann.

Um das sinnvolle Setzen solcher Impulse zum richtigen Zeitpunkt, zumeist für zentrale gesellschaftliche Fragestellungen, geht es letztendlich auch beim Stiftungshandeln. Auf der Grundlage der vom Stifter Robert Bosch vorgegebenen Felder stellen wir uns immer wieder die Frage, wie und mit wem wir die gesteckten Ziele in der Förderung der Gesundheitspflege, der Völkerverständigung, der Bildung oder Wohlfahrt unter den heutigen Voraussetzungen erfolgreich erreichen können. Dies erfordert sorgfältige Prüfung, Kenntnis der Gegebenheiten, Mut zur Entscheidung bei auf den ersten Blick ungewöhnlichen Vorhaben sowie Vertrauen in die Menschen, die diese in Angriff nehmen wollen. Als Georg Pohl mit seiner Idee auf uns zukam, haben wir uns entschieden, die Reihe „Zukunft Geben – Seminarveranstaltungen zur persönlichen Gestaltungskraft durch Geben“ sowie die Entstehung dieses Buches zu unterstützen.

Wenn wir den Blick auf diejenigen Menschen richten, die hier vorgestellt werden, fällt auf, dass sie alle im fortgeschrittenen, im „reifen“ Alter sind. Diese reife, sprich ältere Generation wird in den kommenden Jahren aufgrund des demografischen Wandels einen immer größeren Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen. Lange wurde diese Entwicklung einseitig unter dem Aspekt künftig überforderter Sozial- und Rentenkassen gesehen, das Alter – und damit die alten Menschen selbst – also vor allem als Kostenverursacher betrachtet und auf Pflegebedürftigkeit und geistigen wie körperlichen Verfall reduziert. Die Robert Bosch Stiftung setzt sich seit einigen Jahren mit zahlreichen Programmen und Initiativen für ein differenzierteres Altersbild in unserer Gesellschaft ein. Die vorhandenen Probleme und Herausforderungen werden nicht ausgeblendet – im Gegenteil. Umfangreiche Vorhaben der Stiftung zum Beispiel in den Bereichen Demenz und Palliative Praxis sowie die langjährigen Aktivitäten zur Professionalisierung der Pflege tragen dazu bei, auch diese Seite des Alters anzunehmen und Betroffene wie Angehörige adäquat zu versorgen.

Doch der Lebensabschnitt Alter beinhaltet heutzutage so viel mehr! Der Mensch, der mit 60 oder 65 Jahren in Rente oder Ruhestand geht, hat viel zu bieten, will etwas leisten und kann sein Lebensumfeld aktiv mitgestalten. Es gilt mehr denn je, diese Potenziale, Kompetenzen, Kreativität und letztendlich auch die Geldleistungen Älterer für die nächsten Generationen wahrzunehmen und ihnen den Wert beizumessen, den sie sowohl für den Einzelnen, vor allem aber für die Gesellschaft als Ganzes ausmachen. In etlichen Stiftungsprogrammen wird dieser Wert deutlich sichtbar. Ob bei „Seniorexperten“, die in Osteuropa ihre beruflichen Erfahrungen an junge Menschen weitergeben, Künstlern und Autoren, die im fortgeschrittenen Alter ihre Kreativität im Wettbewerb um den Preis „Zukunft Alter“ unter Beweis stellen oder bei den „Seniortrainern“, die in zahlreichen Kommunen Ostdeutschlands Netzwerke sozialen Engagements aufbauen und lebendig halten – sie alle geben etwas von dem weiter, was sie in ihrem eigenen Leben erfahren, gelernt und erarbeitet haben.

Max Frisch hat in seinem Tagebuch 1946 bis 1949 notiert: „Die Würde des Menschen besteht in der Wahl.“ Diese Würde beweisen die hier Porträtierten in eindrucksvoller Weise. Eine solche Wahl haben aber auch viele andere, nicht nur ältere Menschen in unserer Gesellschaft. Wir wünschen uns, dass sie diese Freiheit nützen, zum Wohle aller.

Dr. Almut Satrapa-Schill
Bereichsleiterin Gesundheit und Humanitäre Hilfe
Robert Bosch Stiftung