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Die Zukunft des Gebens

Rupert Graf Strachwitz1

Die hinter uns liegenden Jahrzehnte des unaufhaltsam scheinenden wirtschaftlichen Aufschwungs waren von einer Vorstellung begleitet, das Handeln des Menschen sei stets nur von seinen eigenen wirtschaftlichen Interessen geleitet. Diesem homo oeconomicus hat ein französischer Anthropologe, Francois Perroux, schon vor 50 Jahren eine deutliche Absage erteilt2. In der Tat, es gibt ihn nicht. Menschen haben ein ursächliches Interesse an Interaktionsprozessen, die der Handlungslogik des Marktes nicht unterworfen sind. Jede Familie gibt davon Zeugnis. Perroux hat das mit dem Attribut des Geschenks zur Abgrenzung von jenen des Tauschs und des Zwangs belegt. Daraus speist sich nach dem Grundsatz, dass die Gesellschaft vom Menschen ausgeht, die Vorstellung von drei Arenen, in denen sich Menschen gesellschaftlich bewegen und in denen jeweils diese unterschiedlichen Attribute vorherrschen. Geht es in der Arena Staat um den – durchaus legitimen – Zwang und im Markt um den Tausch, geht es, so kann man folgern, in der dritten Arena primär um das Schenken, was nicht heißt, dass die Attribute in den jeweils anderen Arenen völlig fehlen. Im Folgenden soll von der Bedeutung des Geschenks und der durch dieses Attribut dominierten Arena die Rede sein.

Biologen, Anthropologen, Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler sind sich heute darüber einig, dass das Geben oder Schenken eine anthropologische Grundkonstante darstellt, die in jeder Gesellschaft aufscheint3. Das Schenken ist sogar bei Primaten zu beobachten4 und neuerdings von Neurobiologen im Gehirn lokalisiert worden. Allerdings ist dieses Schenken mit dem Gegenargument des Eigeninteresses konfrontiert. Über den Gabentausch, das heißt die Erwartung, für das Geschenk eine wie immer geartete Gegenleistung zu erhalten, ist viel geschrieben worden. Am deutlichsten kommt dies im Modell des Warm Glow zum Ausdruck. „Warm Glow beschreibt das Gefühl einer persönlichen inneren Befriedigung, das ein Individuum während oder nach dem Akt des Gebens verspürt. Die Gabe ist dementsprechend nicht altruistischer Natur, sie wird vielmehr durch den durchaus egoistischen Wunsch nach dem Konsum eines privaten Gutes, nämlich des Warm Glow, motiviert.“5 Die Gegenleistung muss nach dieser Logik nicht einmal materieller Natur sein, um das Geschenk zu relativieren. Diesem Einwand, der darauf hinausläuft, dass zwischen Geschenk und Tausch kein prinzipieller Unterschied besteht, wird entgegengehalten, dass im Tausch Leistung und Gegenleistung vorher bestimmt werden. Wer eine Ware oder Dienstleistung erwerben möchte, tauscht dafür eine vorher vereinbarte ein. Wer dagegen schenkt, mag zwar damit bestimmte Erwartungen verbinden, ob sie aber und gar in der erhofften Weise erfüllt werden, auch ob sie der Beschenkte oder ein vorher nicht bekannter Dritter erfüllt, bleibt offen, was einen grundsätzlichen Unterschied markiert. Damit geben sich Verfechter der Gabentauschtheorie allerdings nicht zufrieden. Hätten sie recht, wäre dies allerdings nicht nur für die Beziehungen unter Individuen von Bedeutung, sondern würde auch die Argumentation infrage stellen, dass es neben Staat und Markt diese dritte Arena gibt, die einer völlig anderen Handlungslogik unterliegt und wesentlich zum Erfolg einer Gesellschaft beiträgt.

Was steckt also hinter diesem Schenken – oder, wie man heute auf die Gesellschaft bezogen sagt, dem bürgerschaftlichen Engagement?

Definitorisch bewegen wir uns auf recht sicherem Boden. Was bürgerschaftliches Engagement alles umfasst, ist beispielsweise von der Enquete-Kommission des Bundestags „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“6 intensiv erarbeitet worden und unterliegt, soweit ich sehe, kaum einer Kontroverse. Der Begriff hat einerseits die Nachfolge des Begriffs „Ehrenamt“ angetreten, der von vielen „ehrenamtlich“ Engagierten als anachronistisch empfunden wurde. Er ist offenkundig umfassender als der Begriff der Freiwilligenarbeit und weniger normativ aufgeladen als andere wie Philanthropie, Solidarität usw. und bringt daher andererseits das Spenden und Stiften (von Vermögenswerten) in einen sinnvollen Bezug zu anderen Ausdrucksformen. Wer der Gesellschaft Zeit oder Ideen oder Empathie oder Vermögenswerte oder sein persönliches Ansehen schenkt, ist bürgerschaftlich engagiert.

Messen, aggregieren und argumentativ verwerten lässt sich in erster Linie das Schenken von Zeit und Geld7. Wir haben valide empirische Befunde sowohl zu dem tatsächlich vorhandenen und angebotenen Engagement als auch zum gesellschaftlichen Bedarf daran. Wir wissen aus dem von der Bundesregierung periodisch in Auftrag gegebenen Freiwilligensurvey, dass sich etwa 23 Millionen Bürgerinnen und Bürger in irgendeiner Weise engagieren8. Dieses Engagement geht keineswegs zurück, sondern steigt, allen Unkenrufen zum Trotz. Allerdings verlagert es sich, weg von den großen, älteren Organisationen, hin zu den neuen und kleinen. Dies macht den großen Organisationen Sorge. Es kommt nicht von ungefähr, dass ihre Dachverbände erstmals gemeinsam versuchen, ihre Interessen vorzutragen. Auch die Entstehung eines Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement, in dem trisektoral, also unter Einbezug von Staat und Wirtschaft, versucht wird, dieses Engagement neu zu positionieren, ist Ausdruck einer sich stark verändernden Engagement-Landschaft. Verändert hat sich auch die Motivation. Wie sich empirisch gut zeigen lässt, lässt diese sich heute am besten mit Begriffen wie „Lebenslanges Lernen“, „Selbstverwirklichung“ und Ähnlichem abgreifen, auch wenn traditionelle, etwa christliche Motive ihre Bedeutung ebensowenig verloren haben wie Betroffenheit, die Suche nach Wahrheiten, Solidarität und Humanität. Als nationale Pflicht oder gar Ehre würde hingegen kaum jemand mehr sein Engagement begründen wollen. Dies entspricht der weder aufhaltbaren noch steuerbaren Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft, dem fast uneingeschränkten Konsens über Toleranz, Respekt und Pluralismus, der Suche nach selbst definierten Gemeinschaften, der Abkehr von Volk und Nation im traditionellen Sinn und letztlich der Attraktivität von Freiwilligkeit, Selbstermächtigung und Selbstorganisation. Gerade hieraus ergibt sich auch der Zusammenhang zwischen Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement. Es vollzieht sich zu 80 Prozent in Organisationen der Zivilgesellschaft. Eine Organisation, die strukturell auf Freiwilligkeit und Verzicht auf materiellen Gewinn aufbaut, ist – und das leuchtet ja auch unmittelbar ein – überdurchschnittlich geeignet, Engagement anzunehmen und zu organisieren.

Der konservative Jurist Ernst-Wolfgang Böckenförde hat schon vor Jahrzehnten formuliert, dass der Staat von Voraussetzungen lebt, auf die er angewiesen ist, die er aber selbst nicht schaffen kann. Worauf Böckenförde konkret abzielte, war die religiöse Dimension. Ich will mich hier nicht mit der Debatte um den Verlust oder die Wiederkehr des Religiösen auseinandersetzen, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass die Vorstellung, der Staat sei die oberste Instanz der Lebensgestaltung oder dass alles über die Mechanismen des Staates zu entwickeln sei, nicht erst seit Kurzem umstritten ist. Insofern ist die Entwicklung der drei Arenen und des Verhältnisses zwischen ihnen primär keine Frage des Rechts, schon gar nicht des Zwangs, sondern ein auf der Aktion und Interaktion von Bürgerinnen und Bürgern aufbauender Prozess.

Dies gilt nicht nur für die Arena des Geschenks. Als beispielsweise das Grundgesetz geschrieben wurde, war das Verhältnis zwischen Staat und Markt noch keineswegs geklärt. Es hat sich im Lauf der vergangenen 50 Jahre mehrfach verändert. So verschob es sich zwischen 1990 und 2008 stark zugunsten einer wachsenden Bedeutung des Marktes, seit 2008 schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Was das bürgerschaftliche Engagement und die Zivilgesellschaft betrifft, haben die Väter des Grundgesetzes weitsichtig die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit in den Katalog der Grundrechte aufgenommen. Was sich daraus entwickeln würde, konnten sie drei Jahre nach dem Ende der Diktatur nicht voraussehen. Seit den 1960er-Jahren sind Initiativen, die für eine Sache eintreten, im politischen Leben immer präsenter geworden.

Das Umweltthema manifestierte sich zunächst ausschließlich zivilgesellschaftlich, Kultur und vieles andere bekam zivilgesellschaftliche Konnotationen. Aus der öffentlichen Auseinandersetzung um Menschen- und Bürgerrechte oder nachhaltige Entwicklung sind die Nicht-Regierungsorganisationen, das heißt freiwillige Zusammenschlüsse, nicht mehr wegzudenken. Sie sind längst zu akzeptierten, ob ihrer Sachkenntnis gesuchten Gesprächspartnern geworden. Die supranationalen Organisationen, etwa UN O oder EU , zeigen seit Jahren Interesse an der Hilfe, die diese Organisationen ihnen bei der Vorbereitung und beim Vollzug von Entscheidungen bieten können – nicht, wohlgemerkt, bei den Entscheidungen selbst, soweit sie mit hoheitlicher Gewalt durchgesetzt werden müssen: Kein ernsthafter Vertreter der Zivilgesellschaft bestreitet, dass diese allein auf der Grundlage demokratischer Legitimation gefällt werden können. In Mittel- und Osteuropa, auch in Ostdeutschland, ist der Beweis erbracht worden, dass auch unter widrigsten Umständen selbst organisiertes Engagement für die Gesellschaft von durchschlagendem Erfolg gekrönt sein kann. Bis heute wird weithin unterschätzt, welche Bedeutung diese Entwicklung einer antistaatlichen Zivilgesellschaft für die historischen Veränderungen in Mittel- und Osteuropa einerseits und für die Entwicklung des Konzepts einer dritten Arena gehabt hat9. Dennoch: Seit 1989 hat auch der öffentliche Diskurs über den Wert des Engagements, über die Bedeutung einer Zivilgesellschaft zugenommen.

An diesem Engagement wird besonders deutlich, dass materielles Entgelt keine entscheidende Bedeutung hat. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat die Enquete-Kommission Bürgerschaftliches Engagement den vielen Vorschlägen für materielle Engagement-Anreize, die von den Funktionären der Verbände vorgetragen wurden, übereinstimmend im Wesentlichen eine klare Absage erteilt. Das Geben folgt, wie man hier besonders klar, wie man aber auch an vielen ganz anders gelagerten Beispielen sehen kann, eben doch einer anderen intrinsischen Logik und bleibt eben deshalb für die Gesellschaft unverzichtbar. Freiwilligkeit einerseits, die Erwartung sozialen Lohns und zwar gerade nicht in Form von Anerkennungen staatlicher Amtsträger, sondern in der Form des Erlebnisses von Veränderung andererseits, sind die wichtigsten Anreize zum Schenken. Und neben der Suche nach Sinnerfüllung, nach persönlicher Entwicklung stehen Dabei-Sein und Mitmachen- Dürfen, also Inklusion und Partizipation, obenan. Schenken hat heute mit Gestalten zu tun. Daraus wird die politische Dimension des bürgerschaftlichen Engagements deutlich, auch, dass dieses Engagement sich nicht primär an den Staat heranziehen lässt; als Vorhof der Politik ist es nicht wesentlich zu aktivieren.

Dass andererseits der homo oeconomicus tot ist, weiß heute jeder. Eigentümergeführte mittelständische Unternehmen, die große Mehrheit, wussten wohl schon immer, dass ein Unternehmen primär einen sozialen Organismus darstellt, der dann erfolgreich ist, wenn sich seine Mitglieder darin mit allen Fähigkeiten und Wünschen einbringen und dafür auch anerkannt werden. Corporate Social Responsibility ist dementsprechend nicht notwendigerweise ein sinnleerer Begriff aus dem Vokabular der Öffentlichkeitsarbeit, sondern kann Ausdruck ganzheitlicher Überlegungen zur Ausstrahlung und zum Arbeiten des Menschen in den drei Arenen gesellschaftlichen Handelns sein.

Projizieren wir die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in die Zukunft, so bedarf es kaum prophetischer Gaben, um ein weiteres Wachsen der Bedeutung dieser Dimension von Geben zu prognostizieren. Markt- und Staatsversagen werden angesichts immer komplexerer Herausforderungen nicht beseitigt werden, sondern voraussichtlich exponentiell zunehmen. Die modernen Kommunikationsinstrumente begünstigen das Entstehen von und Handeln in barrierefreien Netzwerken, die sich um althergebrachte Begrenzungen nicht kümmern. Kreativität, eine der wesentlichen Gaben bürgerschaftlichen Engagements, wird in fast unbegrenzter Menge benötigt, um die Herausforderungen zu meistern. Diese Kreativität entsteht primär bei Individuen, nicht bei Organisationen, während andererseits das Individuum zu seiner Verwirklichung selbst identifizierter anderer Individuen bedarf. Die Gabe der Empathie erscheint als wirksamste Methode, der über alle Maßen ausufernden Ausübung von Gewalt über Menschen – besonders im Sinne administrativer Regulierung – Herr zu werden.

Der Welt des Gebens, des Schenkens steht daher, so meine ich, eine große Zukunft bevor – eine Zukunft mit Konflikten und Diskursen um das rechte Maß, die rechte Form, den rechten Geist, den rechten Ausdruck, aber in jedem Fall eine Zukunft mit großer Kraft und Wirkung. Wir tun gut daran, die Augen nicht davor zu verschließen und uns in dieser Welt einzurichten.


1  Der Verfasser ist Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und geschäftsführender Gesellschafter der Maecenata Management GmbH, München.

2  Francois Perroux, Zwang, Tausch, Geschenk – Zur Kritik der Händlergesellschaft. Deutsch: Stuttgart 1961.

3  Vgl. hierzu: Frank Adloff / Steffen Mau (Hrsg.), Vom Geben und Nehmen, Zur Soziologie der Reziprozität, Frankfurt/Main 2005.

4  Maurice Godelier, Das Rätsel der Gabe: Geld, Geschenke, heilige Objekte, dt. München 1999.

5  Alexander v. Kotzebue / Berthold U. Wigger, Private Finanzierung kollektiver Aufgaben: theoretische Grundlagen und empirische Befunde; in: Helmut Neuhaus (Hrsg.), Stiftungen gestern und heute – Entlastung für öffentliche Kassen? Erlanger Forschungen Reihe A (Geisteswissenschaften) Bd. 110, Erlangen 2006, S. 23. Vgl. auch J. Andreoni, Impure Altruism and Donations to Public Goods: A Theory of Warm Glow Giving. The Economic Journal 100, S. 464-477.

6  Deutscher Bundestag (Hrsg.) – Enquete-Kommission Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements, Bericht: Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Gesellschaft. Opladen 2002.

7  Rainer Sprengel / Rupert Graf Strachwitz, Private Spenden für Kultur. Stuttgart 2008.

8  Der nächste Freiwilligensurvey erscheint voraussichtlich zum Jahresende 2009.

9  Vgl. hierzu: Gabriele Muschter und Rupert Graf Strachwitz (Hrsg.) / Victoria Strachwitz (Interviews), Keine besonderen Vorkommnisse?, Zeitzeugen berichten vom Mauerfall. Berlin 2009.