Zum Thema
Die Zukunft geben
Prof. Dr. Marianne Gronemeyer
„Zukunft geben“, das ist ein sperriges Thema für ein Vorwort. Nichts, wozu sich spontan allerlei Assoziationen, Erfahrungen oder Überlegungen einstellen. Nicht einmal ein vernünftiger Satz lässt sich aus diesen beiden Wörtern bilden. Ich kann nicht sagen: „Ich gebe Zukunft“ oder „Du, er, sie, es gibt Zukunft“. Jeder Zuhörer würde sofort fragen: „Wem?“ Man kann ohne den Beschenkten oder das Beschenkte nicht auskommen in einem Satz, der vom Geben spricht. Wenn ich diesem oder jenem Zukunft gebe, einem aufstrebenden Jungakademiker, einem soeben erschienenen Buch, einer technischen Neuerung, einem Künstler oder einer gescheiten Schulanfängerin, dann meine ich, dass ich Zutrauen habe, dass er, sie oder es seinen oder ihren Weg machen werde. Wir stellen demjenigen, dem wir eine Zukunft zusichern, eine Karriere in Aussicht oder gutes Gelingen, Erfolg oder wenigstens Dauer. Aber all das scheint in dem Titel, der mir zur Schreibaufgabe gemacht wurde, nicht gemeint. Die Zukunft, von der im Titel die Rede ist, ist bedroht, und darum sollen Rettungsbemühungen in Gang gesetzt werden. Mit der Zukunft haben die einen Großes vor, sie erhoffen sich von ihr das noch Unausdenkliche, die ungeahnten Möglichkeiten, die den Horizont aufreißen und dem Fortschritt Bahn brechen werden. Den anderen erscheint sie so gefährdet, dass überhaupt infrage steht, ob es sie noch geben wird. Und so ist wohl der Titel gemeint: Wir sollten darauf sinnen, wie wir der Zukunft eine Chance geben könnten, dadurch, dass wir – nicht gleich der ganzen Welt, aber doch diesem oder jenem Teil in ihr, das von Auslöschung oder Untergang bedroht ist – eine Zukunftsstätte, eine verlässliche Bleibe sichern: einer aussterbenden Kartoffelsorte oder Vogelart, den spielenden Kindern, die vom Autoverkehr in Bewahrareale gedrängt werden, kulturellen Eigenheiten, die der weltweiten konsumistischen Gleichmacherei als Opfer dargebracht werden, Fähigkeiten und Könnerschaft, die vom maschinellen Stumpfsinn überflüssig gemacht werden, Formen des freundlichen und nachbarschaftlichen Miteinanders, die in der „alles durchherrschenden Kälte der Konkurrenz“ (Th. W. Adorno) zu erstarren drohen. Der Aufruf oder der Appell „Zukunft geben!“ fordert uns, die wir ihn hören, auf, Partei zu ergreifen für Gefährdetes oder auch für aufkeimende Anfänge, in denen sich etwas Neues zu zeigen beginnt, das uns hoffen lässt. Daran scheint nichts Falsches. Und doch beschleicht mich bei dieser Formulierung ein Unbehagen, dem ich nachgehen muss. Mir scheint die Aufforderung, Zukunft zu geben, der Zukunft nicht angemessen. Um sie irgendjemandem geben zu können, müsste ich sie ja haben. Ich kann schlechterdings nichts vergeben, über das ich nicht verfügen kann. Das ist vielleicht gerade das moderne Dilemma, dass wir glauben, uns der Zukunft bemächtigt zu haben, sodass wir mit ihr tun oder lassen können, wie es uns beliebt. Und wenn wir in Spendierlaune sind, dann vergeben wir sie wie ein Preisgeld an das prädestinierte Objekt unserer Wahl, das uns besonders zukunftswürdig dünkt. Aber so einfach ist das nicht mit der Zukunft. Die Alten waren wahrscheinlich sehr viel weiser als wir, wenn sie sich der Zukunft gegenüber ohnmächtig wussten. Volksweisheit und hundertfach bewährte Erfahrung haben sich in Sätzen ausgesprochen, die wir als Sprichwörter überliefert bekamen. Es gibt nicht viele Sprichwörter über die Zukunft, aber die wenigen, die es gibt, sind, verglichen mit unserer siegesgewissen Großmäuligkeit ihr gegenüber, doch eher kleinlaut und respektvoll, weniger vom Willen, die Unwägbarkeiten des Lebens auszuschalten, als von der Bereitschaft und dem Bemühen, mit ihnen zurechtzukommen, getragen. Da heißt es: „Die Zukunft ist eine unsichere Gabe.“ Oder: „Wer der Zukunft traut, hat auf Sand gebaut.“ Oder: „Zukünftiges ist uns allen verborgen“1, will sagen, Zukünftiges steht nicht in unserer Macht.
Im 18. Jahrhundert änderte sich die Auffassung über die Zukunft dramatisch. Bis dahin umfasste sie alles, was auf den in seine Gegenwart eingebundenen Menschen zukam, ungeplant, ungemacht und unverhofft. Sie war sein Geschick, und das lag in Gottes Hand. Jetzt setzte sich ein vollständig anderes Zukunftsverständnis durch. Die Zukunft sollte nicht mehr tatenlos und bang und geduldig erwartet werden, vielmehr trauten sich die modernen Akteure zu, aktiv, forsch und tüchtig auf sie zuzugehen2, mehr noch sich ihrer zu bemächtigen, sie buchstäblich herbeizuordern, sie in ihre jeweilige Gegenwart hereinzuzerren. Sie sollte schon jetzt zeigen, was in ihr steckt, und sie sollte nur das zeigen, was den Plänen, die man mit ihr hatte, nicht widerstand. Zukunft wird seither nicht mehr empfangen wie ein Gast, dem man Gastrecht schuldet, sondern genommen wie eine Beute oder eine Geisel.
Und trotz dieser selbstgewissen Grandeur bleibt dem modernen Menschen gegenüber der Zukunft eine gewisse Beklommenheit. Indikator für dieses Unbehagen ist die Tatsache, dass die Zukunftsformen unserer Verben aus dem Sprachgebrauch fast vollkommen verschwunden sind. Wir haben alle Futurformen ins Präsens oder Perfekt verschliffen. Niemand sagt: „Ich werde morgen oder übermorgen oder in Kürze oder später das und das tun.“ Wir sagen: „Dieses Jahr fahren wir wieder nach Italien.“ Oder: „Nach meiner Pensionierung will ich noch einmal etwas ganz anderes machen.“ Oder: „In einem Monat trete ich meine neue Stelle an, kriege ich mein Kind, bin ich über alle Berge.“ Ich vermute, hinter dieser Vermeidung oder Vernachlässigung der Futurformen, die uns Menschen ja die einzigartige Möglichkeit geben, Hoffnungen und Befürchtungen zu imaginieren, stehen zwei ganz verschiedene Motive, die so widersprüchlich sind, dass sie im simplen Präsens notdürftig versöhnt werden sollen.
Futurformen sind außerordentlich kühn. Wir sind uns des Wagnisses, das wir mit ihnen eingehen, noch ahnungsweise bewusst. Wenn ich sage: „Ich werde das und das tun“, dann erhebe ich den Anspruch, dass es auch tatsächlich in meiner Macht steht, diese Ankündigung in die Tat umzusetzen, als hätte ich nichts zu fürchten, das meine Pläne durchkreuzt. Tatsächlich aber wissen wir alle um die Unwägbarkeiten des Lebens. „Du Narr! Diese Nacht wird man Deine Seele von Dir fordern.“ Das ist die Antwort Gottes an den Reichen, der seinen Seelenfrieden und seine Sicherheit dadurch zu finden hofft, dass er seine Vorräte immer weiter aufstockt, Keller und Scheunen beständig vergrößert, um immer mehr „Sicherheit“ in ihnen zu stapeln (Lukas 12, 16-21). In jedem Futur in der ersten Person stecken ein memento mori und eine Herausforderung des Todes, aber auch eine Herausforderung der Mitmenschen. Denn wenn ich „Ich werde …“ sage, dann habe ich das Mitspracherecht anderer zur qualité neglégeable erklärt und meinen Willen absolut gesetzt.
Das Unheimliche am Futur ist, dass es mit dem anderen, dem Unwägbaren, einerseits in Furcht und Zittern rechnet, deshalb die geradezu magische Praxis der Vermeidung, andererseits trotzig dagegen aufsteht mit mehr als einem Anflug von Angst vor der eigenen Courage. Aber gerade wegen dieser unüberhörbaren Mahnung, dass in der Zukunft der Tod wartet, wird die Anstrengung, die Zukunft zu vergegenwärtigen und Macht über sie zu gewinnen, verdoppelt. Es soll da vorn nichts sein, das in mir die Angst schürt, das Beste zu versäumen, und das in mir den Neid auf die Zukünftigen, die Nachkommen, die Spätgeborenen anstachelt. Erschreckend zu denken, dies könnte der tiefste Grund dafür sein, dass wir so achtlos, so zerstörungsbereit mit den Lebensgrundlagen derer, die nach uns kommen, umgehen.
Wir können also die Formel „Zukunft geben“ angesichts dieser selbstherrlichen Bemächtigung auch ganz anders verstehen: nicht so, dass wir irgendjemandem aus eigener Machtvollkommenheit heraus Zukunft zusichern, sondern so, dass wir der Zukunft das Ihre geben, dass wir sie als das Zukünftige, auf das sich Wünsche und Hoffnungen richten können, wieder ins Recht setzen und aufhören, sie für uns zu beschlagnahmen. Wir müssten ihr dann die Möglichkeit zurückgeben, dass sie uns überraschen kann, anstatt uns jede Überraschung zu verbitten. Wir müssten uns in Lassen und Gelassenheit üben, statt um beinah jeden Preis die Kontrolle oder wenigstens die Illusion von Kontrolle behalten zu wollen.
Die Zukunft lässt sich natürlich ohnedies nicht so handzahm machen, dass sie uns aufs Wort gehorcht. Aber es macht doch einen großen, vielleicht den alles entscheidenden Unterschied, ob wir das Zukünftige – wenn auch aussichtslos – erzwingen wollen oder ob wir uns aus vollem Herzen auf eine Zukunft einlassen, die kommt3, die Überraschungen, gute und böse, mit sich bringt.
Ich höre die Einwände: Warum sollten wir nicht alles daran setzen, böse Überraschungen zu vermeiden oder zu verhindern, wenn wir es doch durch Vorsicht und Vorausschau, aber auch durch allerlei Sicherheit verbürgende, präventive Maßnahmen können?
Und ist es nicht verrückt und leichtfertig, in einer Situation, in der die Zukunft auf dem Spiel oder auf des Messers Schneide steht, jeden Einfluss auf sie preiszugeben und in geradezu fundamentalistischer Manier Schicksalsergebenheit zu predigen? Müssen wir nicht diejenigen, die ihr Verhältnis zur Zukunft mit einem achselzuckenden „’s kommt, wie’s kommt“ kommentieren, der Verantwortungslosigkeit bezichtigen? Ist nicht die blanke Resignation beinah ebenso verwerflich wie die nackte Gier, die über Leichen geht und den Nachkommen die Luft zum Atmen abschnürt, das Wasser vergiftet und die Erde verwüstet? Sind wir etwa angesichts der drohenden Katastrophen und Weltuntergangsvarianten nicht herausgefordert, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen?
Die Einwände haben Gewicht. Aber sie bekehren mich nicht. Warum wir uns nicht gegen böse Überraschungen wappnen sollen? Nun, weil wir uns damit auch der guten Überraschungen berauben. Überraschungen sind nicht teilbar in dem Sinne, dass wir die guten willkommen heißen und den bösen die Tür weisen könnten. Das Überraschende an den Überraschungen ist gerade, dass es immer anders kommt, als man denkt, im guten wie im schlechten Sinn. Wir aber sind Descartes gläubige Nachfahren, bestrebt, die Überraschungen auszumerzen, unser Leben als geordneten Geschäftsgang zu organisieren; nicht einmal Geburt und Tod wollen wir einfach geschehen lassen. Und wir halten uns auf unseren nüchternen Realismus allerlei zugute, wenn wir der Sicherheit und der Berechnung den Vorzug geben vor den Überraschungen und der bangen Hoffnung. In Wirklichkeit aber haben wir damit unseren Möglichkeitsraum enorm verkleinert auf dasjenige nämlich, was unserem Wirklichkeitssinn, unserem Vorstellungsvermögen und unseren Erklärungsmustern zugänglich ist. Wir haben die unendliche Fülle der Möglichkeiten auf unser bisschen Fassungskraft zusammenschrumpfen lassen. „Es gibt zwei Arten, wie du leben kannst. Entweder so, als sei nichts ein Wunder oder so, als sei alles ein Wunder.“ Diese Feststellung Albert Einsteins schickt mir soeben ein Freund als seinen Weihnachtsgruß, und ich habe den Eindruck, sowohl Albert Einstein als auch der Absender des Grußes liebäugelten – wie auch ich selber – entschieden mit der zweiten Art zu leben.
Wenn wir den Wunderglauben nach dem Ratschlag unserer souveränen Vernunft auf den Müllhaufen der Geschichte gekarrt haben, dann haben wir uns um die Möglichkeit des ganz anderen gebracht. Unsere Träume und Sehnsüchte gehen leer aus. Wir bleiben bei unserem Leisten. Für den verlorenen Reichtum des ganz anderen halten wir uns schadlos durch Maßlosigkeit, durch quantitative Vermehrung des immer Gleichen; immer mehr industrielle Ver-Fertigung der Welt. Wir werden rekordsüchtig und richten alle Anstrengungen darauf, es immer noch schneller, noch weiter, noch höher zu treiben und placken uns ab im „rasenden Stillstand“.
Und was hat es nun mit unserer „Verantwortung“ für die Zukunft auf sich? Nun, ersichtlich kann ich Verantwortung nur übernehmen für etwas, das ich getan habe und dessen Wirkungen absehbar waren. Die Zukunft aber ist ja gerade das „Non dum“, das „Noch nicht“. Schwierig bis unmöglich, dafür verantwortlich sein zu wollen. Es sei denn, Robert Jungk hätte recht gehabt, als er bereits 1952 seinen Bericht über eine Reise durch Amerika mit „Die Zukunft hat schon begonnen“ betitelte. „Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich als harmlos“, schreibt er, seine Eindrücke zusammenfassend. Das heißt: Unsere Gegenwart ist zukunftskrank. Sie verschwindet als Gegenwart buchstäblich unter unseren Händen. Sie erhält ihre Prägung nicht dadurch, dass wir und unsere Mitwesen in ihr leben, sondern dadurch, dass sie zur Baustelle für eine geplante Zukunft herabgewürdigt wird. Schon jetzt müssen Menschen, Tiere, Pflanzen, Lebensräume und Kulturlandschaften ihre Gegenwart (im örtlichen und zeitlichen Sinn) den Zukunftsplänen von Ökonomen, Technikern und Wissenschaftlern opfern, die sich das Verteilungsmonopol, das Weltgestaltungsmonopol und das Weltdeutungsmonopol unter den Nagel gerissen haben und heute dekretieren, was morgen sein wird. „Zukunft geben“, das könnte also heißen, dass wir von der Zukunft, die schon begonnen hat, unsere Gegenwart zurückerobern, in Tausenden von kleinen, womöglich unscheinbaren Szenen, in denen wir einander und allem, was wächst und gedeiht, von Du zu Du begegnen und unsere Gegenwärtigkeit feiern. „… einen anderen Weg als den, dass wir uns verbinden gegen das, was wir ablehnen, kenne ich nicht. Wir müssen uns schon die Mühe machen, uns zu einer Koalition zu vereinen“, lese ich bei Alexander Kluge. Ich glaube, wir müssen zugleich bescheidener und viel anspruchsvoller sein. Nicht die große Koalition der Nichteinverstandenen sammeln, um gegen die bedrückenden Zumutungen unserer zukunftsbesessenen Epoche anzurennen; darin blieben wir ja reaktiv und vielleicht sogar reaktionär, gefesselt an das, was zerstörerisch am Werk ist. Wir sollten uns vielmehr in Freundes- und Nachbarschaftskreisen zusammenschließen, um den Vorschein des ganz anderen sichtbar werden zu lassen. Italo Calvino sagt es so: Zwei Arten gibt es, unter der Hölle, in der wir tagtäglich wohnen, nicht zu leiden. „Die eine fällt vielen recht leicht: Die Hölle akzeptieren und so sehr Teil davon werden, dass man sie nicht mehr erkennt. Die andere ist gewagt und fordert dauernde Vorsicht und Aufmerksamkeit: suchen und zu erkennen wissen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum zu geben.“
1 Deutsches Sprichwörter-Lexikon, hg. von Karl Friedrich Wilhelm Wander, Bd. 5, Darmstadt 2007, 1. Ausgabe 1964, Sp. 628.
2 Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.12, hg. von Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel, Basel 2004, Art. Zukunft, Sp. 1430.
3 Das Wort, oder besser der Name „Zukunft“ weist uns ja unüberhörbar darauf hin, dass ihr Wesen darin besteht, dass sie kommen will.
„Zukunft geben“, das ist ein sperriges Thema für ein Vorwort. Nichts, wozu sich spontan allerlei Assoziationen, Erfahrungen oder Überlegungen einstellen. Nicht einmal ein vernünftiger Satz lässt sich aus diesen beiden Wörtern bilden. Ich kann nicht sagen: „Ich gebe Zukunft“ oder „Du, er, sie, es gibt Zukunft“. Jeder Zuhörer würde sofort fragen: „Wem?“ Man kann ohne den Beschenkten oder das Beschenkte nicht auskommen in einem Satz, der vom Geben spricht. Wenn ich diesem oder jenem Zukunft gebe, einem aufstrebenden Jungakademiker, einem soeben erschienenen Buch, einer technischen Neuerung, einem Künstler oder einer gescheiten Schulanfängerin, dann meine ich, dass ich Zutrauen habe, dass er, sie oder es seinen oder ihren Weg machen werde. Wir stellen demjenigen, dem wir eine Zukunft zusichern, eine Karriere in Aussicht oder gutes Gelingen, Erfolg oder wenigstens Dauer. Aber all das scheint in dem Titel, der mir zur Schreibaufgabe gemacht wurde, nicht gemeint. Die Zukunft, von der im Titel die Rede ist, ist bedroht, und darum sollen Rettungsbemühungen in Gang gesetzt werden. Mit der Zukunft haben die einen Großes vor, sie erhoffen sich von ihr das noch Unausdenkliche, die ungeahnten Möglichkeiten, die den Horizont aufreißen und dem Fortschritt Bahn brechen werden. Den anderen erscheint sie so gefährdet, dass überhaupt infrage steht, ob es sie noch geben wird. Und so ist wohl der Titel gemeint: Wir sollten darauf sinnen, wie wir der Zukunft eine Chance geben könnten, dadurch, dass wir – nicht gleich der ganzen Welt, aber doch diesem oder jenem Teil in ihr, das von Auslöschung oder Untergang bedroht ist – eine Zukunftsstätte, eine verlässliche Bleibe sichern: einer aussterbenden Kartoffelsorte oder Vogelart, den spielenden Kindern, die vom Autoverkehr in Bewahrareale gedrängt werden, kulturellen Eigenheiten, die der weltweiten konsumistischen Gleichmacherei als Opfer dargebracht werden, Fähigkeiten und Könnerschaft, die vom maschinellen Stumpfsinn überflüssig gemacht werden, Formen des freundlichen und nachbarschaftlichen Miteinanders, die in der „alles durchherrschenden Kälte der Konkurrenz“ (Th. W. Adorno) zu erstarren drohen. Der Aufruf oder der Appell „Zukunft geben!“ fordert uns, die wir ihn hören, auf, Partei zu ergreifen für Gefährdetes oder auch für aufkeimende Anfänge, in denen sich etwas Neues zu zeigen beginnt, das uns hoffen lässt. Daran scheint nichts Falsches. Und doch beschleicht mich bei dieser Formulierung ein Unbehagen, dem ich nachgehen muss. Mir scheint die Aufforderung, Zukunft zu geben, der Zukunft nicht angemessen. Um sie irgendjemandem geben zu können, müsste ich sie ja haben. Ich kann schlechterdings nichts vergeben, über das ich nicht verfügen kann. Das ist vielleicht gerade das moderne Dilemma, dass wir glauben, uns der Zukunft bemächtigt zu haben, sodass wir mit ihr tun oder lassen können, wie es uns beliebt. Und wenn wir in Spendierlaune sind, dann vergeben wir sie wie ein Preisgeld an das prädestinierte Objekt unserer Wahl, das uns besonders zukunftswürdig dünkt. Aber so einfach ist das nicht mit der Zukunft. Die Alten waren wahrscheinlich sehr viel weiser als wir, wenn sie sich der Zukunft gegenüber ohnmächtig wussten. Volksweisheit und hundertfach bewährte Erfahrung haben sich in Sätzen ausgesprochen, die wir als Sprichwörter überliefert bekamen. Es gibt nicht viele Sprichwörter über die Zukunft, aber die wenigen, die es gibt, sind, verglichen mit unserer siegesgewissen Großmäuligkeit ihr gegenüber, doch eher kleinlaut und respektvoll, weniger vom Willen, die Unwägbarkeiten des Lebens auszuschalten, als von der Bereitschaft und dem Bemühen, mit ihnen zurechtzukommen, getragen. Da heißt es: „Die Zukunft ist eine unsichere Gabe.“ Oder: „Wer der Zukunft traut, hat auf Sand gebaut.“ Oder: „Zukünftiges ist uns allen verborgen“1, will sagen, Zukünftiges steht nicht in unserer Macht.
Im 18. Jahrhundert änderte sich die Auffassung über die Zukunft dramatisch. Bis dahin umfasste sie alles, was auf den in seine Gegenwart eingebundenen Menschen zukam, ungeplant, ungemacht und unverhofft. Sie war sein Geschick, und das lag in Gottes Hand. Jetzt setzte sich ein vollständig anderes Zukunftsverständnis durch. Die Zukunft sollte nicht mehr tatenlos und bang und geduldig erwartet werden, vielmehr trauten sich die modernen Akteure zu, aktiv, forsch und tüchtig auf sie zuzugehen2, mehr noch sich ihrer zu bemächtigen, sie buchstäblich herbeizuordern, sie in ihre jeweilige Gegenwart hereinzuzerren. Sie sollte schon jetzt zeigen, was in ihr steckt, und sie sollte nur das zeigen, was den Plänen, die man mit ihr hatte, nicht widerstand. Zukunft wird seither nicht mehr empfangen wie ein Gast, dem man Gastrecht schuldet, sondern genommen wie eine Beute oder eine Geisel.
Und trotz dieser selbstgewissen Grandeur bleibt dem modernen Menschen gegenüber der Zukunft eine gewisse Beklommenheit. Indikator für dieses Unbehagen ist die Tatsache, dass die Zukunftsformen unserer Verben aus dem Sprachgebrauch fast vollkommen verschwunden sind. Wir haben alle Futurformen ins Präsens oder Perfekt verschliffen. Niemand sagt: „Ich werde morgen oder übermorgen oder in Kürze oder später das und das tun.“ Wir sagen: „Dieses Jahr fahren wir wieder nach Italien.“ Oder: „Nach meiner Pensionierung will ich noch einmal etwas ganz anderes machen.“ Oder: „In einem Monat trete ich meine neue Stelle an, kriege ich mein Kind, bin ich über alle Berge.“ Ich vermute, hinter dieser Vermeidung oder Vernachlässigung der Futurformen, die uns Menschen ja die einzigartige Möglichkeit geben, Hoffnungen und Befürchtungen zu imaginieren, stehen zwei ganz verschiedene Motive, die so widersprüchlich sind, dass sie im simplen Präsens notdürftig versöhnt werden sollen.
Futurformen sind außerordentlich kühn. Wir sind uns des Wagnisses, das wir mit ihnen eingehen, noch ahnungsweise bewusst. Wenn ich sage: „Ich werde das und das tun“, dann erhebe ich den Anspruch, dass es auch tatsächlich in meiner Macht steht, diese Ankündigung in die Tat umzusetzen, als hätte ich nichts zu fürchten, das meine Pläne durchkreuzt. Tatsächlich aber wissen wir alle um die Unwägbarkeiten des Lebens. „Du Narr! Diese Nacht wird man Deine Seele von Dir fordern.“ Das ist die Antwort Gottes an den Reichen, der seinen Seelenfrieden und seine Sicherheit dadurch zu finden hofft, dass er seine Vorräte immer weiter aufstockt, Keller und Scheunen beständig vergrößert, um immer mehr „Sicherheit“ in ihnen zu stapeln (Lukas 12, 16-21). In jedem Futur in der ersten Person stecken ein memento mori und eine Herausforderung des Todes, aber auch eine Herausforderung der Mitmenschen. Denn wenn ich „Ich werde …“ sage, dann habe ich das Mitspracherecht anderer zur qualité neglégeable erklärt und meinen Willen absolut gesetzt.
Das Unheimliche am Futur ist, dass es mit dem anderen, dem Unwägbaren, einerseits in Furcht und Zittern rechnet, deshalb die geradezu magische Praxis der Vermeidung, andererseits trotzig dagegen aufsteht mit mehr als einem Anflug von Angst vor der eigenen Courage. Aber gerade wegen dieser unüberhörbaren Mahnung, dass in der Zukunft der Tod wartet, wird die Anstrengung, die Zukunft zu vergegenwärtigen und Macht über sie zu gewinnen, verdoppelt. Es soll da vorn nichts sein, das in mir die Angst schürt, das Beste zu versäumen, und das in mir den Neid auf die Zukünftigen, die Nachkommen, die Spätgeborenen anstachelt. Erschreckend zu denken, dies könnte der tiefste Grund dafür sein, dass wir so achtlos, so zerstörungsbereit mit den Lebensgrundlagen derer, die nach uns kommen, umgehen.
Wir können also die Formel „Zukunft geben“ angesichts dieser selbstherrlichen Bemächtigung auch ganz anders verstehen: nicht so, dass wir irgendjemandem aus eigener Machtvollkommenheit heraus Zukunft zusichern, sondern so, dass wir der Zukunft das Ihre geben, dass wir sie als das Zukünftige, auf das sich Wünsche und Hoffnungen richten können, wieder ins Recht setzen und aufhören, sie für uns zu beschlagnahmen. Wir müssten ihr dann die Möglichkeit zurückgeben, dass sie uns überraschen kann, anstatt uns jede Überraschung zu verbitten. Wir müssten uns in Lassen und Gelassenheit üben, statt um beinah jeden Preis die Kontrolle oder wenigstens die Illusion von Kontrolle behalten zu wollen.
Die Zukunft lässt sich natürlich ohnedies nicht so handzahm machen, dass sie uns aufs Wort gehorcht. Aber es macht doch einen großen, vielleicht den alles entscheidenden Unterschied, ob wir das Zukünftige – wenn auch aussichtslos – erzwingen wollen oder ob wir uns aus vollem Herzen auf eine Zukunft einlassen, die kommt3, die Überraschungen, gute und böse, mit sich bringt.
Ich höre die Einwände: Warum sollten wir nicht alles daran setzen, böse Überraschungen zu vermeiden oder zu verhindern, wenn wir es doch durch Vorsicht und Vorausschau, aber auch durch allerlei Sicherheit verbürgende, präventive Maßnahmen können?
Und ist es nicht verrückt und leichtfertig, in einer Situation, in der die Zukunft auf dem Spiel oder auf des Messers Schneide steht, jeden Einfluss auf sie preiszugeben und in geradezu fundamentalistischer Manier Schicksalsergebenheit zu predigen? Müssen wir nicht diejenigen, die ihr Verhältnis zur Zukunft mit einem achselzuckenden „’s kommt, wie’s kommt“ kommentieren, der Verantwortungslosigkeit bezichtigen? Ist nicht die blanke Resignation beinah ebenso verwerflich wie die nackte Gier, die über Leichen geht und den Nachkommen die Luft zum Atmen abschnürt, das Wasser vergiftet und die Erde verwüstet? Sind wir etwa angesichts der drohenden Katastrophen und Weltuntergangsvarianten nicht herausgefordert, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen?
Die Einwände haben Gewicht. Aber sie bekehren mich nicht. Warum wir uns nicht gegen böse Überraschungen wappnen sollen? Nun, weil wir uns damit auch der guten Überraschungen berauben. Überraschungen sind nicht teilbar in dem Sinne, dass wir die guten willkommen heißen und den bösen die Tür weisen könnten. Das Überraschende an den Überraschungen ist gerade, dass es immer anders kommt, als man denkt, im guten wie im schlechten Sinn. Wir aber sind Descartes gläubige Nachfahren, bestrebt, die Überraschungen auszumerzen, unser Leben als geordneten Geschäftsgang zu organisieren; nicht einmal Geburt und Tod wollen wir einfach geschehen lassen. Und wir halten uns auf unseren nüchternen Realismus allerlei zugute, wenn wir der Sicherheit und der Berechnung den Vorzug geben vor den Überraschungen und der bangen Hoffnung. In Wirklichkeit aber haben wir damit unseren Möglichkeitsraum enorm verkleinert auf dasjenige nämlich, was unserem Wirklichkeitssinn, unserem Vorstellungsvermögen und unseren Erklärungsmustern zugänglich ist. Wir haben die unendliche Fülle der Möglichkeiten auf unser bisschen Fassungskraft zusammenschrumpfen lassen. „Es gibt zwei Arten, wie du leben kannst. Entweder so, als sei nichts ein Wunder oder so, als sei alles ein Wunder.“ Diese Feststellung Albert Einsteins schickt mir soeben ein Freund als seinen Weihnachtsgruß, und ich habe den Eindruck, sowohl Albert Einstein als auch der Absender des Grußes liebäugelten – wie auch ich selber – entschieden mit der zweiten Art zu leben.
Wenn wir den Wunderglauben nach dem Ratschlag unserer souveränen Vernunft auf den Müllhaufen der Geschichte gekarrt haben, dann haben wir uns um die Möglichkeit des ganz anderen gebracht. Unsere Träume und Sehnsüchte gehen leer aus. Wir bleiben bei unserem Leisten. Für den verlorenen Reichtum des ganz anderen halten wir uns schadlos durch Maßlosigkeit, durch quantitative Vermehrung des immer Gleichen; immer mehr industrielle Ver-Fertigung der Welt. Wir werden rekordsüchtig und richten alle Anstrengungen darauf, es immer noch schneller, noch weiter, noch höher zu treiben und placken uns ab im „rasenden Stillstand“.
Und was hat es nun mit unserer „Verantwortung“ für die Zukunft auf sich? Nun, ersichtlich kann ich Verantwortung nur übernehmen für etwas, das ich getan habe und dessen Wirkungen absehbar waren. Die Zukunft aber ist ja gerade das „Non dum“, das „Noch nicht“. Schwierig bis unmöglich, dafür verantwortlich sein zu wollen. Es sei denn, Robert Jungk hätte recht gehabt, als er bereits 1952 seinen Bericht über eine Reise durch Amerika mit „Die Zukunft hat schon begonnen“ betitelte. „Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich als harmlos“, schreibt er, seine Eindrücke zusammenfassend. Das heißt: Unsere Gegenwart ist zukunftskrank. Sie verschwindet als Gegenwart buchstäblich unter unseren Händen. Sie erhält ihre Prägung nicht dadurch, dass wir und unsere Mitwesen in ihr leben, sondern dadurch, dass sie zur Baustelle für eine geplante Zukunft herabgewürdigt wird. Schon jetzt müssen Menschen, Tiere, Pflanzen, Lebensräume und Kulturlandschaften ihre Gegenwart (im örtlichen und zeitlichen Sinn) den Zukunftsplänen von Ökonomen, Technikern und Wissenschaftlern opfern, die sich das Verteilungsmonopol, das Weltgestaltungsmonopol und das Weltdeutungsmonopol unter den Nagel gerissen haben und heute dekretieren, was morgen sein wird. „Zukunft geben“, das könnte also heißen, dass wir von der Zukunft, die schon begonnen hat, unsere Gegenwart zurückerobern, in Tausenden von kleinen, womöglich unscheinbaren Szenen, in denen wir einander und allem, was wächst und gedeiht, von Du zu Du begegnen und unsere Gegenwärtigkeit feiern. „… einen anderen Weg als den, dass wir uns verbinden gegen das, was wir ablehnen, kenne ich nicht. Wir müssen uns schon die Mühe machen, uns zu einer Koalition zu vereinen“, lese ich bei Alexander Kluge. Ich glaube, wir müssen zugleich bescheidener und viel anspruchsvoller sein. Nicht die große Koalition der Nichteinverstandenen sammeln, um gegen die bedrückenden Zumutungen unserer zukunftsbesessenen Epoche anzurennen; darin blieben wir ja reaktiv und vielleicht sogar reaktionär, gefesselt an das, was zerstörerisch am Werk ist. Wir sollten uns vielmehr in Freundes- und Nachbarschaftskreisen zusammenschließen, um den Vorschein des ganz anderen sichtbar werden zu lassen. Italo Calvino sagt es so: Zwei Arten gibt es, unter der Hölle, in der wir tagtäglich wohnen, nicht zu leiden. „Die eine fällt vielen recht leicht: Die Hölle akzeptieren und so sehr Teil davon werden, dass man sie nicht mehr erkennt. Die andere ist gewagt und fordert dauernde Vorsicht und Aufmerksamkeit: suchen und zu erkennen wissen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum zu geben.“
1 Deutsches Sprichwörter-Lexikon, hg. von Karl Friedrich Wilhelm Wander, Bd. 5, Darmstadt 2007, 1. Ausgabe 1964, Sp. 628.
2 Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.12, hg. von Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel, Basel 2004, Art. Zukunft, Sp. 1430.
3 Das Wort, oder besser der Name „Zukunft“ weist uns ja unüberhörbar darauf hin, dass ihr Wesen darin besteht, dass sie kommen will.